DWD Synoptische Übersicht Kurzfrist

09-10-2026 17:01
SXEU31 DWAV 091800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Freitag, den 09.10.2026 um 18 UTC


SCHLAGZEILE:
Wechselhaftes und teils windiges, aber nicht wirklich kaltes Herbstwetter. Vor
allem an der Nordsee strichweise fette Regengüsse.

Synoptische Entwicklung bis Sonntag 06 UTC
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Aktuell ... sind wir mitten im Frühherbst angekommen, so wie man sich diesen
landläufig zumindest ungefähr vorstellt: windig bis stürmisch (auch wenn wir von
einem ausgewachsenen Herbststurm meilenweit entfernt sind), regnerisch und kühl.
Wobei "kühl" relativ ist angesichts heute zumindest im Süden gemessener 15, 16
oder gar 17°C, was im Oktober als mild durchgeht. Vielleicht sollten wir uns auf
die komparative Form "kühler" einigen, was es im Vergleich zu den vergangen,
rein formell auch schon zum Herbst gehörenden Wochen besser trifft. Alles nur
Wortklauberei, entscheidend ist, was in der Atmosphäre abgeht und das ist
derzeit sehr abwechslungsreich.

Die Hauptrolle spielt ein vergleichsweise kurzwelliger, ansonsten aber gut
ausgeprägter Potenzialtrog über dem nahen Atlantik mit abgeschlossenen
Drehzentrum dicht bei Island. Dort befindet sich heute Abend auch das
korrespondierende Bodentief GABRIELA mit einem Kerndruck nahe 985 hPa. An das
Tief angebunden ist ein kompletter Frontensatz mit Warm-, Kalt- und
Okklusionsfront. An der Okklusion hat sich ein kleines Teiltief entwickelt, das
in den nächsten Stunden den Skagerrak ansteuert, während sich gleichzeitig das
Mutter- und Höhentief langsam südostwärts von Island entfernen. Dabei wird ein
erster Randtrog Richtung Nordsee und Benelux entsandt, dem das o.e.
Frontensystem vorgeschaltet ist. Mit der Warmfront haben wir ja schon
Bekanntschaft gemacht, geht doch der aktuelle Regen respektive Nieselregen und
der vom Tage auf ihr Konto. Dieser Regen zieht nun in naher Zukunft unter
Abschwächung ost-südostwärts ab, so dass wir uns damit nicht weiter beschäftigen
müssen und uns auf die nachfolgende Kaltfront konzentrieren können.

Die steht im Nordwesten unmittelbar vor der Haustür und induziert ebenfalls
Regen, der eher schauerartig ausfällt oder aber konvektiv verstärkt ist. Apropos
konvektiv, unmittelbar vor der Front wird eine Portion sehr feuchter (PPW um 30
mm) und leidlich labil geschichteter Biskayaluft angezapft, in der etwa vom
westlichen NDS über die Nordsee bis nach SH etwas MU-CAPE zur Verfügung steht.
Dort entwickeln sich bis in die erste Nachthälfte hinein einzelne Gewitter, die
am ehesten mit Böen 7-8 Bft (worst case 9 Bft) einhergehen, während Starkregen
weniger wahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen ist.

Im Laufe der Nacht kommt die Kaltfront etwa bis zu einer Linie
Kraichgau-Niederlausitz voran. Da es sich um eine Katafront handelt, fällt der
meiste Niederschlag präfrontal, heißt, bis zum Morgen wird das Regengebiet große
Teile BaWüs, Bayerns und Sachsens sowie partiell Thüringen und das südliche BB
erfasst haben. Gewitter sind dann nicht mehr dabei, dafür können in Staulagen
der Mittelgebirge um 10, ganz lokal um oder etwas über 15 l/m² zusammenkommen.
Unmittelbar hinter der Kaltfront trocknet es im Norden und Westen in der frisch
einfließenden maritimen Polarluft (mP; Rückgang T850 von 8 auf rund 3°C) von
oben her deutlich ab, so dass die Bewölkung auflockert. Schauer bilden sich kaum
noch mit einer Ausnahme: Durch die Annäherung des o.e. Randtrogs bzw. des
zugehörigen thermischen Trogs (T500 um -25°C) kommt es insbesondere über der
Nordsee (wo zusätzlich noch diabatische Effekte ausgehend vom "warmen" Wasser
greifen), aber auch im Umfeld zu einer signifikanten Labilisierung, die nicht
ohne Folgen bleibt. So entwickeln sich schwerpunktmäßig in der zweiten
Nachthälfte neben Schauern auch einzelne Gewitter, die mit dem flotten
niedertroposphärischen West-Südwestwind bis weit nach SH und sogar bis nach MV
reindriften können. Aufgrund der zackigen Verlagerungsgeschwindigkeit ist
weniger Starkregen als vielmehr der Wind mit Böen 7-8 Bft das begleitende Thema.


Auch abseits der Konvektion bleibt der südwestliche, hinter der Front auf
westliche Richtungen drehende Wind zumindest an der See und zunähst auch noch in
den Mittelgebirgen prominent im Spiel, während er sonst an Substanz einbüßt. So
reicht es an der Nordsee bis zum Morgen für Böen 7-8 Bft, an der Ostsee
exponiert 7 Bft. Der Brocken spuckt gar noch die ein oder andere Sturmböe 9 Bft
aus, immerhin zwei Windstärken weniger als heute Nachmittag. Thermisch geht´s
zurück auf 11 bis 7°C, bei Aufklaren in der Mitte etwas weniger, direkt am Meer
etwas mehr.

Samstag ... breitet sich der Höhentrog, der immer wieder von rückseitig
einlaufenden Kurzwellen gespeist wird, über dem gesamten Vorhersageraum aus. Am
Abend reicht seine leicht nach Nordwesten zurückhängende Hauptachse in 500 hPa
etwa von der Bodenseeregion bis hoch zur südwestlichen Nordsee, während das
weiter nördlich platzierte Drehzentrum die Südspitze Norwegens anvisiert. Dort
können wir auch den inzwischen auf fast 1000 hPa aufgefüllten Hauptkern des
Tiefs GABRIELA erwarten. Insgesamt ist das Tief in mehrere Teilkerne zerfallen,
die sich von der südlichen Norwegensee bis hinüber zum Baltikum verteilen, was
für uns aber nur von peripherer Bedeutung ist.

Wichtiger ist die Tatsache, dass die zugehörige Kaltfront weiter Boden in
Richtung Alpen gutmacht, auch wenn sie durch einen nach Süddeutschland
gerichteten Azorenhochkeil etwas ausgebremst wird. In den Nachmittagsstunden
dürfte die Front das Gebirge erreichen und nachfolgend südwärts überqueren. Der
frontale Regen zieht sich dann in bzw. an die Alpen zurück und nimmt dabei
zunehmend Schauerform an. Rückseitig breitet sich landesweit eine frische
Portion maritimer Polarluft aus, die vor allem im Norden und Nordwesten
ausreichend feucht (PPW um oder etwas über 15 mm) und labil (T500 um -25°C über
T850 um +2°C) ist, um eine rege Schauer- und Gewittertätigkeit zu initiieren.
Bei hoher Geschwindigkeitsscherung (die Richtungsscherung ist limitiert) ziehen
die Schauer von West nach Osten staffelartig über die Küstenregion und die
Norddeutsche Tiefebene hinweg und kratzen dabei nach Süden hin die nördlichen
Regionen von NRW, Hessen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg an. Zwei Aspekte sind
dabei von besonderem Interesse: Erstens die Gewitter, die bei flotter Fahrt mit
Böen 7-8 Bft und Graupel einhergehen können. Zweitens die Frequenz und
Intensität der Schauer und Gewitter im Nordseeumfeld, insbesondere von den
Ostfriesischen Inseln bis hinüber nach SH. Dort wird man permanent mit
konvektiven Umlagerungen zugeballert, die sich strichweise zu recht
erklecklichen Regenmengen aufsummieren. Binnen weniger Stunden können dabei 20
bis 35 l/m² zusammenkommen, was die Kriterien einer markanten Starkregenwarnung
erfüllt. Weitet man den Horizont bis Sonntagmorgen aus, können akkumuliert bis
zu 40, ganz vereinzelt vielleicht sogar bis zu 50 l/m² "in die Töpfe" fallen.
Warntechnisch ist das nicht ganz einfach umzusetzen. Gewitter bietet sich nicht
an, weil nicht alles gewittrig sein wird. Dauerregen mit Unterbrechungen, hmmm,
ein Oxymoron, das auch nicht optimal ist, aber immerhin das gesamte Ereignis
abbildet und am Ende wohl das Mittel der Wahl ist. Denn eine auf etwa 9 Stunden
gestreckte Starkregenwarnung, die man dann ggf. noch mal wiederholen müsste, ist
auch nicht das Gelbe vom Ei.

Wie auch immer, Fakt ist, dass sich zwischen dem frontalen Regen im Süden und
den konvektiven Niederschlägen im Norden ein Korridor befindet, in dem ein
mixtum compositum aus Sonne, Wolken und nur ganz wenigen oder gar keinen
Schauern den Tagesablauf bestimmt. Der Streifen verläuft etwa von
Nordbaden/RP/Saarland bis hinüber zur Oder und Neiße, Tendenz im Tagesverlauf
süd-südostwärts ausweitend. Zu erwähnen wäre noch der Wind, der aus Südwest bis
West kommen auch morgen zumindest in Teilen wieder flott unterwegs ist. An der
Küste sind Böen 7 Bft gewiss, an der Nordsee 8 Bft wahrscheinlich. Ähnlich sieht
es für exponierte Kamm- und Kuppenlagen der Mittelgebirge aus, wo auf dem
Brocken sogar die "9" steht. Etwas diffiziler gestaltet sich die Lage in Teilen
des nord- und nordwestdeutschen Binnenlands. Dort frischt der Wind ebenfalls
böig auf, was aber größtenteils der Kopplung an Schauer geschuldet ist. Der
Gradient allein würde wahrscheinlich nicht ganz oder nur bedingt ausreichen.
Trotzdem empfiehlt sich die Ausgabe einer prophylaktischen Windwarnung, um nicht
jedem Schauer hinterherrennen zu müssen.


In der gut durchmischen Polarluft werden meist 13 bis 18°C erreicht, im
Oberrheingraben lokal vielleicht ein paar Zehntel oder ein Kelvin darüber.

In der Nacht zum Sonntag bleibt uns der Höhentrog treu, wobei er rückseitig
immer wieder aufs Neueste regeneriert wird. Seine Hauptachse bewegt sich dabei
leicht nach Osten. Zwar nimmt die Schauerhäufigkeit nicht zuletzt aufgrund der
Tageszeit ab, dafür deutet sich eine räumliche Ausdehnung nach Süden an. Es kann
also theoretisch fast jeden treffen, auch wenn die Numerik rund um die Donau
sowie im Nordosten (weitgehend) niederschlagsfreie Areale anbietet. Der meiste
Regen fällt nach wie vor im unmittelbaren Nordseeumfeld in entsprechenden
Schauerstraßen, wo durchaus weitere 10 bis 25 l/m² innert 12 Stunden, vereinzelt
noch etwas mehr zusammenkommen können. Im höheren Bergland sowie an der See
bleibt der SW-W-Wind zunächst frisch unterwegs mit Böen 7 Bft, vereinzelt 8 Bft,
Brocken 9 Bft. In der zweiten Nachthälfte deutet sich an der Küste aber eine
allmähliche Windabnahme an. Tiefsttemperatur meist zwischen 10 und 5°C, in
einigen Mittelgebirgstälern darunter, direkt am Meer etwas darüber.

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Synoptische Entwicklung bis Montag 06 UTC

Sonntag ... siehe Frühübersicht.


Modellvergleich und -einschätzung
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Im Großen und Ganzen steht die Vorhersage. Kleine Unschärfen offenbaren sich bei
den Regenmengen, gleichwohl sollte für das Nordseeumfeld eine Warnung
(Stark-/Dauerregen) ausgegeben werden.


Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann