DWD Synoptische Übersicht Kurzfrist

17-07-2026 17:01
SXEU31 DWAV 171800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Freitag, den 17.07.2026 um 18 UTC


SCHLAGZEILE:
In den nächsten Stunden abebbende, wohl aber nicht ganz zum Erliegen kommende
Konvektion. Am Wochenende Luftmassenwechsel, dabei an den Küsten zeitweise
windig. Am Samstag im äußersten Süden noch punktuelle Unwettergefahr (Gewitter).


Synoptische Entwicklung bis Sonntag 06 UTC
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Aktuell ... sind wir inmitten einer nachhaltigen Umstellung der Großwetterlage,
die mit einem nicht minder nachhaltigen Luftmassenwechsel einhergeht. Nicht mit
einem Schlag, eher staffelweise gelangen am Wochenende maritime Luftmassen
polaren Ursprungs (mP) relativ straight foreward in den Vorhersageraum, die bei
nicht wenigen unter uns für gewisses Aufatmen sorgt. Dann hat es sich nämlich
erstmal erledigt mit der Hitze, der dritten Welle in diesem Jahr (Ende Mai, Ende
Juni und jetzt). Wobei - und das gehört auch zur Wahrheit - die jetzige
Hitzeperiode ja gar nicht das ganze Land erfasst hatte. Gerade in Teilen Nord-
und Nordostdeutschlands wird man mitunter gedacht haben "wovon faseln die da die
ganze Zeit, von wegen Hitze usw.".

Nun gut, sei es wie es sei, wie so oft bei vergleichbaren Lagen vollzieht sich
so ein Wechsel alles andere als geräuschlos. Wir schreiben den fünften Tag
hintereinander, an dem es konvektiv abgeht und an dem der nächste,
voraussichtlich aber vorerst letzte interne Sonderbericht geschrieben werden
muss. Und nicht vergessen, die Nächte dazwischen waren alles andere als
Ruhepolster. Ganz im Gegenteil, zum Teil ging der Spuk auch zu nachtschlafender
Zeit ab wie ein Zäpfchen.

Aktuell sind wir ebenfalls noch mittendrin im Geschehen, das sich heute im
Wesentlichen, aber nicht ausschließlich auf den Osten, die Mitte und den Süden
konzentriert, wo die gealterte Subtropikluft (xS) am gewitterfreundlichsten
daherkommt: potenzielle Instabilität, Wasserdampf satt (PPW 30 bis 40 mm),
nahezu ungedeckeltes CAPE. Dazu eine zyklonal konturierte südwestliche
Höhenströmung, die zwar nicht die großen Antriebe bringt, auf der anderen Seite
aber auch nicht den Spielverderber mimt. Induziert wird die Strömung von einem
alten Bekannten, dem Höhentief der letzten Tage, das heute Abend mit seinem
Drehzentrum dicht über dem Westeingang des Skagerraks liegt. Dort steht es
unmittelbar vor einer feindlichen Übernahme durch einen Potenzialtrog, der sich
vom Nordpolarmeer südwärts ausweitet und das Höhentief an seiner Südspitze als
Randtrog aufschnappt.

Nicht minder interessant die Entwicklung im Bodendruckfeld, die Deutschland
heute inmitten einer relativ breiten, meridional exponierten Tiefdruckrinne mit
verschiedenen kleineren Drehzentren sah (Druckniveau etwas unter 1015 hPa).
Mindestens einer dieser Wirbel (CERRY; der an die stärkste Gewitteraktivität im
Osten gekoppelt ist), wird den Tag überleben und voraussichtlich über das
Oderhaff oder Rügen/Usedom in Richtung südliche Ostsee/Südschweden abdriften.
Derweil bildet sich durch Über-/Umströmungseffekte über dem Skagerrak ein
zweiter Kern, so dass das ganze System ein dipolartiges Aussehen annimmt.
Wichtiger als das ist vielmehr die Tatsache, dass rückseitig des Tiefs eine
erste zaghafte Portion der o.e. maritimen Polarluft über die Nordsee gesteuert,
die mit T850-Werten um 10°C aber noch bei Weitem nicht an die Qualitäten
rankommt, die man von solchen Luftmassen erwartet. Auf alle Fälle ist die Luft
trotz des Überstreichens der vielfach 2-3°C über Norm temperierten Nordsee
ziemlich trocken, was tagsüber trotz einzelner Überentwicklungen schon im Westen
und Nordwesten zu spüren war.

Nun aber zur Entwicklung der nächsten Stunden, in denen sich die Numerik
ziemlich einig ist, dass die aktuell noch aktive (Schwer)Gewitterei im Osten und
Süden relativ zügig, sprich, noch in der ersten Nachthälfte weitgehend zum
Erliegen kommen soll. Klar, das Modell ist das Modell, die Natur die Natur.
Heißt, wir sollten nicht überrascht sein, wenn 1, 2 oder auch 3 Zellen den
Datumswechsel überstehen. Auch sollten die Nachtdienste immer noch mal rüber
nach Frankreich schauen, wo z. Zt. noch ganz ordentlich geballert wird. Der
Trend ist jedoch ziemlich eindeutig. Einer der Hauptgründe neben dem Tagesgang
dürfte das Einmischen trockenerer Luft sein (Entrainment), die sich mit leicht
auflebendem West-Nordwestwind immer weiter ausbreitet. In den Analysen konnte
mittlerweile auch eine Kaltfront gefunden werden, die sozusagen diese
Abtrocknung anführt und immer weiter gen Süddeutschland vorankommt.

Apropos Wind, der ausgangs der Nacht an der Nacht an der Nordsee und auf Fehmarn
soweit Gestalt annimmt, dass die ersten steifen Böen auf den Windgebern
registriert werden. Thermisch geht´s runter auf 19 bis 12°C, am mildesten dabei
der äußerste Osten sowie Teile Südwestdeutschlands.

Samstag ... weitet sich der Potenzialtrog bis nach ME respektive Deutschland
aus. Dabei geht er ein wenig in die Breite, so dass die zyklonal gekrümmte
Höhenströmung weitgehend zonal orientiert ist. Flankiert wird der Trog von einem
relativ schmalen Rücken über dem nahen Osteuropa sowie einem breiteren Exemplar
über dem Ostatlantik. Beide stehen jeweils in Verbindung mit einem Bodenhoch,
von denen das atlantische eindeutig das potentere ist (1030+X hPa). Zwischen
diesem Hoch und dem zweikernigen Tief über Südskandinavien wird mit einer
vornehmlich an der Küste sowie im küstennahen Binnenland, mit Abstrichen aber
auch im Binnenland (z.B. Harzregion) lebhaften West- bis Nordwestwind (Böen 7
Bft, exponiert 8 Bft) der nächste Schwall polarer Meeresluft bis weit ins
norddeutsche Tiefland gesteuert, in der T850 auf 10 bis 5°C zurückgeht. Auf rund
800 hPa findet man eine Sperrschicht, an der sich CU- und SC-Bewölkung
ausbreitet, aus der zwar kaum ein Tropfen herauszuholen ist, die sonst aber nur
wenig Mut zur Lücke hat. So gesehen ist die Höchsttemperatur mit 20 bis 25°C
noch recht kommod aufgestellt, einzig direkt an der Nordsee könnte es an der ein
oder anderen Stelle schwer werden mit der "20".

Richtung Mitte und Südwesten braucht man sich diesbezüglich keine Gedanken
machen, erwärmt sich die neue Luftmasse doch auf 24 bis 29°C, also auf ähnliche
Werte wie heute, hier und da sogar etwas drüber. Dazu scheint mal mehr (SW,
Hochkeil), mal weniger die Sonne. Vereinzelt reicht es sogar für einen Schauer,
insbesondere über den zentralen und östlichen Mittelgebirgen, während ein
Gewitter nur mit geringer Wahrscheinlichkeit auftritt.

Die wetteraktivste Zone des morgigen Samstags finden wir im Süden des Landes,
schwerpunktmäßig südlich der Donau. Dort ist zwar mittlerweile die Kaltfront
angekommen, so´n richtig klarer Luftmassenwechsel findet aber noch nicht statt.
Die Front schleift vor sich hin und bei rund 13°C auf 850 hPa, weiterhin
vorhandener potenzieller Instabilität, PPW von z.T. um 30 mm, meist
ungedeckeltes ML-CAPE teils um 1000 J/kg und solider, häufig orografisch
induzierter Scherung sowie einem wenn auch schwachen Jetstreak über den Alpen
können sich etwa ab Mittag einige starke, vereinzelt sogar schwere Gewitter (WU)
entwickeln. Das Potenzial für Superzellen ist gerade im äußersten Süden
vorhanden und wird von den entsprechenden numerischen Produkten (z.B.
Aufwindhelizität) auch gezeigt. Kurzum, wir sollten nicht überrascht sein, wenn
neben zahlreichen markanten Gewittern auch die ein oder andere Unwetterzelle mit
erhöhtem Starkregen und/oder größerem Hagel in die Höhe schießt. Ob es der Wind
noch mal bis in die Kategorie 10 bis 12 Bft schafft, ist fraglich. Die Numerik
jedenfalls hält sich diesbezüglich zurück.

In der Nacht zum Sonntag schwenkt von der Nordsee ein markanter Randtrog in den
Haupttrog, der dadurch aktiviert wird. Auf der diffluenten Vorderseite wird in
der auf Südwest bis Süd rückdrehenden Höhenströmung Hebung generiert, die
wiederum die Kaltfront im Süden animiert, irgendwie tätig zu werden. Irgendwie
meint in diesem Fall eine leichte Rückläufigkeit Richtung Mitte, vor allem im
Ostteil. Außerdem wird im Frontbereich schwerpunktmäßig in der 2. Nachthälfte
schauerartiger Regen mit vereinzelten eingelagerten Gewittern induziert, der
etwa einen Korridor vom Oberrheingraben bis nach Sachsen erfasst (+/-).

Aktivzone #2 liegt im äußersten Nordwesten, wo von der Deutschen Bucht eine
Schliere etwas abgehobener Warmluft um den über Südschweden positionierten
westlichen Kern des Doppeltiefs ein kleines Stück landeinwärts geführt wird. In
der Vorhersagekarte ist das mit einer in einen Bodentrog eingelagerten Okklusion
markiert. Dabei kommt es zu schauerartigen, vereinzelt gewittrigen Regenfällen
mit leichtem Starkregenpotenzial. Allerdings hat ICON-D2 im 12-UTC-Lauf einiges
von seiner in den Vorläufen gezeigten Bissigkeit bis hin zur Eskalation an der
schleswig-holsteinischen Küste eingebüßt. Mal sehen, was am Ende davon
übrigbleibt.

Was bleibt, ist der flotte West-Nordwestwind an der See, während dieser im
Binnenland alsbald die Reißleine zieht. Thermisch geht´s runter auf 16 bis 10°C,
in einigen Mittelgebirgen bei Aufklaren noch etwas darunter, im Südwesten
punktuell etwas darüber.



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Synoptische Entwicklung bis Montag 06 UTC

Sonntag ... Es gelten im Großen und Ganzen die Ausführungen der Frühübersicht.


Modellvergleich und -einschätzung
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In der Basis sind sich die Modelle weitgehend einig, kleinere Unschärfen liegen
im Rahmen der üblichen Toleranz. Einigkeit herrscht auch dahingehend, dass die
Konvektion in den nächsten Stunden deutlich zurückfahren soll. Schon heute Abend
konnten einige Systeme auf "markant" runtergestuft werden. Gespannt darf man
sein, was morgen ganz im Süden in der modifizierten, energetisch aber immer noch
interessanten Luftmasse geht.


Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann