DWD Synoptische Übersicht Mittelfrist
24-06-2026 10:01
S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Mittwoch, den 24.06.2026 um 10.30 UTC
Erst rekordverdächtige Hitze, danach der große Knall. Nächste Woche zwar etwas
kühler, aber anfangs teils immer noch heiß. Außerdem erhöhte Unwettergefahr
durch schwere Gewitter.
__________________________________________________________
Synoptische Entwicklung bis zum Mittwoch, den 01.07.2026
Die alte Hitz'... sie wird uns auch am kommenden Wochenende noch ziemlich
beschäftigen. Dann erreicht die laufende Hitzewelle ihren Höhepunkt. Das dafür
verantwortliche Omegahoch hat sich bis dahin mit seinem Zirkulationszentrum nach
Südosteuropa verlagert. Mit dieser Verlagerung kommt es zur Advektion einer
brüllend heißen Luftmasse (T850 im Süden 23..24°C!), teilweise spielen
erwärmungstechnisch auch noch diabatische Anteile mit hinein. Wie dem auch sei:
Dass am Samstag möglicherweise neue Temperaturrekorde gerissen werden, scheint
ausgemachte Sache zu sein. Es zeichnet sich ein Hitzeschwerpunkt ausgehend vom
Saarland und dem Oberrheingraben bis in den Berliner und Lausitzer Raum ab. Dort
sind Tageshöchstwerte von bis zu 40°C, im Südwesten auch bis zu 41°C zu
erwarten. Dass der Allzeitrekord in Deutschland (+41,2°C in 2019) fällt, ist
zwar nicht sicher, aber er steht zumindest auf wackeligen Beinen.
Neben den Rekordmaxima tagsüber sind aber auch die nächtlichen Temperaturen
bemerkenswert. Die Luftmasse hat sich dann soweit aufgeheizt, dass uns auch
abseits der Ballungsgebiete wohl verbreitet eine Tropennacht (TMin > 20°C) ins
Haus steht. Außen vor sind hier wohl nur noch die Mittelgebirge und größere
Teile Süddeutschlands, die sich in höheren Lagen befinden und wo die Luft noch
etwas trockener bleibt.
Am Sonntag wird das blockierende Hoch an seiner Westflanke zunehmend von einem
atlantischen Langwellentrog angegriffen. Die ersten Frontalausläufer des
zugehörigen Bodentiefs nordwestlich von Schottland erreichen dabei bereits den
Nordwesten, während der Rest des Landes erneut unter der bestehenden Hitzeglocke
schwitzen "darf". Der Schwerpunkt verschiebt sich hierbei zunehmend nach Osten,
wo erneut Höchstwerte von 40°C im Raum stehen. Im Südwesten scheint das gröbste
bereits überstanden zu sein, wobei von Entspannung bei prognostizierten 38°C
noch keine wirkliche Rede sein kann. Ebenfalls keine Entspannung besteht
bezüglich der Frage möglicher Konvektion(en). In geladener Luftmasse (CAPE
gebietsweise um 3000 J/kg) sorgt die heranrückende Frontalzone für zunehmende
Dynamik und Hebungsantrieb. Gleichzeitig ist der Deckel durch die noch
vorhandene Absinkinversion noch relativ stark. Insgesamt eine recht wackelige
Angelegenheit, aber es ist durchaus vorstellbar, dass es zur Entwicklung einiger
heftiger Gewitter - auch mit erhöhtem Potential für Superzellenbildung - kommen
wird, entsprechend mit erhöhter Unwettergefahr. Die Niederschlagssignale deuten
entsprechendes an, und auch der EFI für CAPESHEAR zeigt vor allem im Nordwesten
deutlich erhöhte Werte. Bezüglich möglicher Begleiterscheinungen ist dabei fast
alles denkbar, von schweren Sturmböen über heftigen Starkregen bis großen Hagel.
In der Nacht zum Montag setzt sich dieses "Spektakel" nach IFS-Lesart fort.
Dabei kommt die okkludierte Kaltfront des Atlantiktiefs etwas weiter Richtung
Mitte voran. In der noch aufgeheizten Vorderseitenluftmasse sind wahrscheinlich
weiter schwere Gewitter aktiv. IFS zeigt auch Optionen für ein mögliches MCS,
dass Deutschland in der Nacht von West nach Ost überquert und gebietsweise für
ergiebige Regenfälle sorgen würde.
Am Montag vollzieht sich dann allmählich der Luftmassenwechsel hin zu einem
"normalsommerlichem" Regime. Entlang der sich nur schleppend vorwärts bewegenden
Luftmassengrenze kommt es demnach weiter zur Bildung teils heftiger Gewitter,
die sich nun langsam in die Ost- bzw. Südosthälfte Deutschlands verlagern.
Erneut zeigen sich dabei Optionen, die von einzelnen Superzellen ausgehen und
bis in die Nacht zum Dienstag hinein verclustern und möglicherweise erneut ein
MCS produzieren. Dementsprechend wackelig sind auch die Temperaturprognosen. Im
Osten und größeren Teilen des Südens sollen die Höchstwerte nochmals auf über
30°C steigen. Mit aufkommenden Gewittern ist das aber schnell obsolet, danach
dürfte es vorübergehend spürbar abkühlen. Durch den hohen Feuchteeintrag bleibt
aber die Problematik möglicher Tropennächte weiter bestehen. Schwerpunkt hier
vor allem der Nordosten und Süden, wo der Luftmassenwechsel noch nicht erfolgt.
Am Dienstag läuft die erste Trogachse über Deutschland hinweg und nimmt damit
zumindest im Nordwesten endgültig die Luft raus bezüglich etwaiger Konvektion.
Ansonsten befindet sich der Rest des Landes weiter im Einflussbereich der
Luftmassengrenze. Das führt auch am Dienstag wieder zur Entwicklung einzelner,
kräftiger Gewitter. Allerdings geht der Luftmasse dabei allmählich der Saft aus.
Zwar stehen immer noch 1000 bis 1500 J/kg an CAPE bereit, die umgesetzt werden
möchten, aber von den exorbitanten Werten der Vortage ist man nun schon weit
weg. Nichtsdestotrotz besteht erneut die Gefahr einzelner Unwetter, nun vor
allem in einem groben Streifen von Sachsen bis nach Bayern. Auch die
Temperaturen gehen erneut leicht zurück und erreichen höchstens von der Pfalz
bis nach Franken noch die 30°C-Marke.
Am Mittwoch manifestiert sich bereits ein neuer Trog über Mitteleuropa, der sich
in den vorherigen 24 Stunden rasch über dem Nordatlantik entwickelt hat. Damit
wird dem weiteren Vorschub subpolarer atlantischer Luftmassen bis nach
Deutschland weitere Unterstützung zuteil. Die Wetterentwicklung bleibt dabei
eher weniger stabil. Die einfließende Höhenkaltluft (T850 um 7°C) führt zur
erneuten Labilisierung der vorhandenen Luftmasse und der Entwicklung einzelner
Gewitter. Temperaturtechnisch pendelt sich die ganze Angelegenheit schließlich
etwa bei +24 bis +29°C ein. Auch nachts kühlt es endlich deutlicher ab auf Werte
um 13°C. __________________________________________________________
Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs
Die Konsistenz von IFS ist vor allem mit zunehmender Vorhersagezeit eher mäßig.
Die Hitzewelle und das Ausräumen der Luftmasse werden zwar an und für sich
robust simuliert, aber das nachfolgende Geschehen bereitet anschließend
Kopfzerbrechen. Angesichts der Tatsache, dass viel mesoskaliges konvektives
Geschehen eine Rolle spielen wird, sind diese Vorhersagen ohnehin mit großen
Unsicherheiten zu betrachten. Möglich erscheint auch, dass die Hitze später im
Laufe der Woche zumindest nochmal in den Osten zurückkehrt. Aber das ist alles
andere als ausgemachte Sache.
__________________________________________________________
Vergleich mit anderen globalen Modellen
Die grundsätzliche Entwicklung wird von allen Modellen gestützt, allerdings sind
dabei einige Modelle (ICON) deutlich progressiver bezüglich des Ausräumens der
Luftmasse als andere (GFS).
Die heiße Luftmasse am Wochenende ist grundsätzlich anfällig für konvektive
Entwicklungen, sobald entsprechender Antrieb vorhanden ist. Diesen liefert GFS
bereits am Samstagabend in Form eines Kurzwellentroges, in dessen Folge bereits
in der Nacht zum Sonntag ein MCS aus Richtung Benelux nach NW-Deutschland ziehen
würde. ICON zeigt ähnliche Optionen, nur deutlich weniger intensiv. Das hätte
bereits weiteren, noch unbestimmten Einfluss auf die weitere Entwicklung ab
Sonntag bezüglich möglicher Gewitter.
Während ICON und IFS im Laufe der kommenden Woche persistent über Mitteleuropa
austrogen lassen, zeigt GFS bereits die Rückkehr des blockierenden Hochs aus
Richtung Atlantik in Form eines Rückens. Das Ganze aber auf gemäßigterem
Temperaturniveau, als es jetzt der Fall ist.
Zusammenfassend: So richtig in trockenen Tüchern ist die kommende Entwicklung
nicht, außer dass es mit Sicherheit etwas kühler wird. Und auch die
Wetterentwicklung im Rahmen des Luftmassenwechsels bereitet noch einige
Probleme.
__________________________________________________________
Bewertung der Ensemblevorhersagen
Die ECMWF-Rauchfahnen bestätigen die beschriebene Entwicklung im Wesentlichen.
Im Laufe des Sonntags, spätestens Montag greift der Luftmassenwechsel in großen
Teilen des Landes durch. Ab dann gibt es auch deutliche Niederschlagssignale,
die auf gröbere konvektive Ereignisse hinweisen. Wenige Einzelmember deuten auf
schnelle Rückkehr wärmerer Luftmassen hin, dies muss Stand heute als sehr
unwahrscheinlich verworfen werden.
Die GFS-ENS beginnen nach dem Luftmassenwechsel schnell stark zu rauschen. Der
operationelle Hauptlauf 00Z ist dabei der kälteste Vertreter seiner Zunft,
während dann für Anfang Juli sogar schon eine neue Hitzeperiode möglich
erscheint...
Die Cluster zeigen sich anfangs wechselhaft, aber im entscheidenden Zeitraum
+120 bis +192h herrscht Einigkeit (nur ein Cluster) bezüglich des Abbaus des
hohen Geopotentials über Mitteleuropa. Anschließend erfolgt Regeneration des
Hochs über dem südlichen Atlantik (Azorenhoch). In der erweiterten Mittelfrist
deutet sich anschließend erneutes Blocking an, allerdings in unterschiedlicher
Konfiguration, sodass sich für die Wetterentwicklung in Deutschland keine
Aussagen ableiten lassen.
Fazit:
Nach der Hitze kommt der große Knall. Samstag erwarten uns rekordverdächtige
Temperaturen bis 41°C im Südwesten; gleichzeitig weitet sich die Hitzewelle auch
noch weiter in die östlichen Landesteile aus. Dort auch am Sonntag nochmals bis
an die 40°C.
Danach steht ein Luftmassenwechsel vor der Tür. Dieser ereilt uns mit viel Blitz
und Donner und wird wohl für die ein oder andere Unwetterlage sorgen. Kein
Wunder bei der Luftmasse, die dafür bereitsteht. Danach geht es wohl auf
normalsommerlichem Niveau weiter, das allerdings wohl relativ unbeständig mit
erneuten Schauern und Gewitter, aber abnehmendem Unwetterpotential.
_________________________________________________________
Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen
HITZE:
Findet hier sonst keine Erwähnung, aber angesichts des Geschehens bleibt keine
Wahl: Extreme Wärmebelastung bis einschließlich Sonntag vor allem in den
zentralen Landesteilen, ausgehend von den Gebieten entlang des Rheins bis zur
Lausitz und an die Oder.
GEWITTER:
Spätestens Sonntag (mit großen Unsicherheiten evtl. auch schon ab Samstagabend)
wiederholte Entwicklung teils schwerer Gewitter mit (schweren) Sturmböen,
heftigem Starkregen und mitunter großem Hagel, bis Dienstag anhaltend und
allmählich von der Nordwest- bis in die Südosthälfte des Landes verlagernd.
Danach abnehmende Unwetterwahrscheinlichkeit.
________________________________________________________
Basis für Mittelfristvorhersage
IFS, EFI, MOSMIX, ICON, GFS
________________________________________________________
VBZ Offenbach / M.Sc. Felix Dietzsch