DWD Synoptische Übersicht Kurzfrist

08-06-2026 17:01
SXEU31 DWAV 081800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Montag, den 08.06.2026 um 18 UTC


SCHLAGZEILE:
Wechselhafte Trograndlage - ROSI lässt grüßen.

Synoptische Entwicklung bis Mittwoch 06 UTC
----------------------------------------------------------------
Aktuell ... gerät Deutschland mehr und mehr in die Fänge von ROSI, einem
mehrkernigen Tiefdruckgebiet mit Hauptdrehzentrum (knapp unter 995 hPa) dicht
bei Island. ROSI interagiert mit einem wuchtigen Potenzialtrog, dessen
diffluente Vorderseite den Vorhersageraum bereits erfasst hat, der sich in den
nächsten Stunden aber noch weiter südostwärts ausweitet. Dabei lassen sich zwei
Niederschlagsgebiete ausmachen, die uns in der kommenden Nacht beschäftigen. Da
wäre zum einen ein skalig anmutendes Regengebiet, das am Nachmittag von
Ostfrankreich her den Südwesten erfasst hat. Auf der Suche nach dem Grund für
diesen Regen tut man sich etwas schwer und wird nicht sofort fündig. Neben dem
Antrieb aus der diffluenten Vorderseite spielt offensichtlich auch ein flacher
Bodentrog eine gewisse Rolle, der nur via Feinanalyse detektiert werden kann.
Während auf der "kalten" Seite, also auf der Rückseite des Troges "normaler"
Regen auftritt, haben sich auf der Vorderseite mit Hilfe der Orografie einzelne,
teils markante Gewitter entwickelt (zuerst im Schweizer Jura, inzwischen auch im
Süden BaWüs). Niederschlag und Gewitter breiten sich in den nächsten Stunden
über den Süden ostwärts aus, wobei die Gewitterwahrscheinlichkeit später wieder
abnimmt. Dann kann es gebietsweise zwar ganz ordentlich plästern (teils mehr als
10 l/m²). Die Starkregengefahr ist aber gering, auch wenn es seitens ICON-D2-EPS
ein paar Hinweise für die zweite Nachthälfte im Allgäu gibt. Fakt ist, dass in
den Abendstunden eine cold-pool-dominante Druckwelle den Süden von West nach Ost
passiert. Zwar schwächt sie sich dabei immer weiter ab, trotzdem frischt der auf
westliche Richtungen drehende Wind mitunter stark böig auf, was mit der Ausgabe
einer kleinen Windwarnung gewürdigt wurde (Böen 7 Bft, exponiert/Schauernähe 8
Bft).

Baustelle #2 befindet sich weiter westlich, wo sich ein schauerartig verstärktes
Regenband formiert hat, das mit hoher Wahrscheinlichkeit die Kaltfront von ROSI
markiert. Erste vorlaufende Schauer erreichen in den frühen Abendstunden den
Westen, bevor nicht wesentlich später Front und Regenband folgen, um sich unter
allmählicher Abschwächung über den Norden und die Mitte ostwärts zu verlagern.
Auch hier können einzelne Gewitter ein- oder vorgelagert sein (siehe
durchbrochene Linie Belgien/Niederlande). Für die ganz große Ballerei wird´s
wohl nicht reichen, was verschiedene Gründe hat. Zum einen konnte die
präfrontale Luftmasse aufgrund der stratiformen Bewölkung des vorlaufenden
Systems und somit limitierter Einstrahlung nur sehr eingeschränkt energetisch
aufbereitet werden (wenig CAPE). Zweitens ist die Überlappung von Labilität und
Feuchte (und Scherung) alles andere als optimal. So laufen die höchsten
Lapse-Rates der Feuchteflusskonvergenz und den beachtlich steigenden Scherwerten
deutlich voraus, was das konvektive Potenzial der Luftmasse gewaltig
einschränkt. Auch die Tatsache, dass die trogvorderseitigen PVA-Maxima von
kräftiger KLA konkurrierend bearbeitet werden, ist der dynamischen
Hebungsmaschinerie wenig zuträglich. Besser wird´s in der Nacht nicht, kommt
doch dann noch die Stabilisierung der Grundschicht dazu. Nichtsdestotrotz, im
Fall der Fälle können die Gewitter durchaus markanten Kriterien genügen, sprich,
von Starkregen zwischen 15 und 20 l/m²innert kurzer Zeit, kleinem Hagel und Böen
bis Stärke 8 Bft eskortiert werden.

Ansonsten bliebe nur noch festzuhalten, dass rückseitig der nach Süden
zurückhängenden Kaltfront ein Schwall maritimer Polarluft (mP) vor allem in den
Norden und Westen einströmt (Rückgang T850 auf Werte um 3°C). Da gleichzeitig im
Nordwesten Höhenkaltluft einsickert (T500 um -23°C), sind dort gerade in
Nordseenähe bis in die Morgenstunden einzelne Schauer und Gewitter (gelb)
möglich.

Dienstag ... lässt sich Deutschland guten Gewissens in drei Wetterzonen
einteilen. Federführend dabei die beiden ROSIs, sprich, Mutter ROSI I, die von
Island einfach nicht loslassen kann und Tochter ROSI II, die aus einem Teiltief
hervorgegangen ist und am Mittag über dem Westen Norwegens thront. Ausgehend von
ROSI I erstreckt sich nach wie vor der korrespondierende Potenzialtrog bis nach
Mitteleuropa, wo er uns eine zyklonal konturierte südwestliche Höhenströmung
serviert. Ergänzt wird das Setup durch die o.e. Kaltfront, die im Grunde schon
durch ist, im Süden allerdings deutlich zurückhängt. Und zu guter Letzt - wieder
mal, möchte man sagen - ein von Frankreich bis in die Südhälfte vorstoßender
Azorenhochkeil.

Die Zonen im Einzelnen von "oben nach unten":

#1 Norddeutschland, wo die einfließende maritime Polarluft am labilsten ist und
durch den Tagesgang aktiviert wird. Bedingt durch den vergleichsweise geringen
Wasserdampfgehalt (PPW 15 bis max. 20 mm) steht zwar nicht allzu viel CAPE zur
Verfügung (MU stellenweise immerhin um 500 hPa). Es reicht aber, um bei
klassisch wechselnder Bewölkung zahlreiche Schauer und einzelne Gewitter
entstehen zu lassen. Letztere treten meist als pulsierende Einzelzellen auf, die
hier und da vielleicht mal zu einer kleinen Multizelle verschmelzen. Gespielt
wird in Liga 4 oder 3 (gelb oder ocker), wobei neben Starkregen > 15 l/m² (trotz
Zug) auch kleiner Hagel sowie Böen bis 8 Bft nicht ausgeschlossen sind. Während
der westliche Wind aus dem Gradienten heraus kaum in der Lage sein sollte,
warnwürdige Akzente zu setzen, gelingt das in Schauer- und Gewitternähe sehr
wohl (7-8 Bft). Höchsttemperatur 16 bis 21°C, wobei es im östlichen
Norddeutschland milder ist als im westlichen.

#2 Mittelstreifen (südliches NRW/RP/Saarland +/- bis hinüber nach BB/Berlin
+/-), wo die Labilität schwächer ausgeprägt ist und sich zudem ein
Trockeneinschub bemerkbar macht (Rückgang PPW auf unter 15 mm, spez.
Grundschichtfeuchte z.T. auf unter 5 g/kg). Im Verbund mit dem o.e. Hochkeil
reicht das zwar nicht, um Quellwolken aus der labilen Grundschicht heraus zu
unterbinden. Es reicht aber, um dem Tag weitgehend trocken zu gestalten.
Vereinzelte Schauer entwickeln sich am ehesten nach Osten hin, wo die Inversion
bei rund 650 hPa liegt und schwächer ausgeprägt ist als im Westen, wo bei 750
bis 700 hPa die Decke eingezogen wird. 17 bis 22°C mit den höheren Werten im
Osten, in den Mittelgebirgen kühler.

#3 Süden/Südosten, wo die Luftmasse am stabilsten, aber auch am feuchtesten ist.
Angefacht durch den Trog, genauer, dessen Vorderseite kommt es auf der kalten
Seite der Front (Anacharakter) zu teils länger andauernden Regenfällen, die sich
im Tagesverlauf zum Alpenrand, ins südliche Alpenvorland sowie nach SO-Bayern
zurückziehen. Akkumuliert über den Tag kommen vornehmlich südlich der Donau
gebietsweise 5 bis 10, lokal bis 15 l/m² zusammen, wobei die Modelle
diesbezüglich noch divergieren. Einzelne Gewitter sind nicht gänzlich
ausgeschlossen, drängen sich mangels ausreichend Labilität aber auch nicht
gerade auf. 14 bis 20°C.

In der Nacht zum Mittwoch ändert sich gar nicht mal so viel an der
Gesamtkonstellation. Das auffälligste ist die beginnende Amplifizierung des
Troges über Benelux und Frankreich, die eine erhöhte Advektion zyklonaler
Krümmungsvorticity zur Folge hat. Im Wesentlichen verpufft dieser Effekt mit
Ausnahme der Gebiete südlich der Donau, wo die nicht weit entfernte Front eine
Frischzellenkur verpasst bekommt. Als Reaktion darauf nimmt die Intensität der
Regenfälle wieder zu, was am Alpenrand sowie im südlichen Vorland bis zu 15,
lokal vielleicht sogar 20 l/m² innert 12 h bringen kann. Es sei aber darauf
hingewiesen, dass die Modelloutputs noch recht unterschiedlich ausfallen mit
einzelnen Lösungen, die weit defensiver aufgestellt sind (z.B. AROME). Vor dem
Hintergrund weiterer Regenfälle am Mittwoch bis in die Nacht zum Donnerstag
hinein sowie ausreichender Signale in den EPS-Vorhersagen wurde zwischen
Werdenfelser und Berchtesgadener Land eine 42-stündige markante
Dauerregenwarnung (mit Unterbrechungen bzw. Schwächephasen) über 40 bis 60 l/m²
geschaltet.

Darüber hinaus gilt es zu konstatieren, dass der Tagesgang das konvektive
Geschehen zwar zurückschraubt, aber nicht gänzlich zum Erliegen bringt. Vor
allem nach Nordwesten hin muss noch mit Schauern und einzelnen Gewittern
gerechnet werden - je näher an der Nordsee, desto mehr davon.

Tiefstwerte 11 bis 6°C in den Mittelgebirgen in längeren Aufklarungsphasen noch
etwas darunter.

----------------------------------------------------------------

Synoptische Entwicklung bis Donnerstag 06 UTC

Mittwoch ... im äußersten Süden und Südosten weitere stratiforme Regenfälle,
sonst wechselhafte Troglage mit Schauern und kurzen Gewittern. Mäßig warm, bei
Dauerregen kühl. Details hierzu siehe Übersicht von heute früh oder warte auf
morgen früh.


Modellvergleich und -einschätzung
----------------------------------------------------------------
Die Entwicklung der Großwetterlage als solche ist unstrittig. Wie so oft steckt
der Teufel im Detail. Das betrifft zum einen die Konvektion, die insgesamt aber
recht glimpflich abzulaufen scheint. Und es betrifft die Regenfälle im äußersten
Süden, die auch nicht gerade unisono gerechnet werden, zumindest was die
Intensität und die Mengen angeht. Die Hinweise der Numerik sind aber
ausreichend, um die ausgegeben Dauerregenwarnung zu rechtfertigen.


Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann