Thema des Tages

24-02-2026 12:50


Wissenschaft kompakt

Wintersport - Schnee von gestern?


Bei den aktuellen Temperaturen mit lokal Höchstwerten um 20 Grad und
seit Tagen anhaltendem Tauwetter in den Mittelgebirgen und den Alpen
haben sich die Winterportmöglichkeit seit dem Wochenende rasch
verschlechtert. Wie sich die Schneeverhältnisse und
Wintersportmöglichkeiten in Zukunft ändern könnten wird heute mit
einem kleinen Gastbeitrag aus dem Geschäftsbereich Klima und Umwelt
beleuchtet.


In den vergangenen Monaten türmte sich der Schnee ausgerechnet in
Regionen, die im Winter sonst eher grün glänzen.
Verkehrsbehinderungen inklusive. In einem breiten Streifen von der
Nordsee über Sachsen-Anhalt bis hinunter ins Erzgebirge lag
Anfang/Mitte Januar mehr Schnee als in vielen Tallagen der west- und
süddeutschen Mittelgebirge. Selbst in Hamburg wurden Schlitten und
Skier wieder aus dem Keller geholt.
Was Verkehrsteilnehmer und -betreiber zur Verzweiflung treibt, ist
für Wintersportregionen ein Lebenselixier. Schneebedingungen und
Schneesicherheit sind aus touristischer Sicht nach wie vor
entscheidend. Dass der Klimawandel die Temperaturen steigen lässt,
die Nullgradgrenze in die Höhe schiebt und den Regenanteil am
Winterniederschlag zulasten des Schnees erhöht, zeigt sich seit drei
Jahrzehnten klar in den Messreihen des Deutschen Wetterdienstes
(DWD). Die Zahl der Schneedeckentage (Tage mit einer Schneedecke von
mindestens 1 cm) gemittelt über Deutschland ist über die letzten 70
Jahre um mehr als 50 % zurückgegangen. Beschneiungsanlagen konnten
diese Entwicklung in einigen Regionen zwar abfedern, aber nicht
vollständig ausgleichen.
Wie sich die Bedingungen für Naturschnee und technische Beschneiung
in den kommenden 30 Jahren - dem üblichen wirtschaftlichen
Planungshorizont - entwickeln könnten, wurde Ende letzten Jahres in
einer gemeinsamen Studie der Geosphere Austria, dem nationalen
Wetterdienst Österreichs, und dem Deutschen Wetterdienst (DWD) für
das Allgäu untersucht. Grundlage waren historische Beobachtungsdaten,
mehrere Klimaprojektionen es DWD für die zukünftige Klimaentwicklung
sowie das Schneedeckenmodell des österreichischen Wetterdienstes ?
ein wissenschaftlich solider Werkzeugkasten.
Für den Zeitraum 2025 bis 2054 projizieren die Modelle einen
Temperaturanstieg im Winter von rund +1 °C gegenüber 1991 bis 2020.
Das führt zu einem Rückgang der Tage mit Naturschneedecke von
mindestens 10 cm Höhe um durchschnittlich 10 bis 25 Prozent - die
stärkere Ausprägung in Tallagen und bei einem Szenario ohne globalen
Klimaschutz. Ein Beispiel: In Nesselwang reduziert sich die Zahl der
Tage mit mindestens 10 cm Naturschnee von heute etwa 80 auf 70 im Tal
(ca. 900 m über NN) und von 125 auf 110 im Mittelstationsbereich (ca.
1200 m über NN).
Ähnlich rückläufig - um bis zu 25 Prozent - sind die potenziellen
Beschneistunden, also jene Stunden pro Monat, in denen Temperatur und
Luftfeuchte eine technische Beschneiung erlauben. Besonders wichtig
sind sie im Dezember, wenn die Pisten für die Saison vorbereitet
werden müssen. Je nach Wetterlage kann noch bis Februar nachbeschneit
werden.
Für die Allgäuer Auftraggeber der Studie kamen diese Ergebnisse nicht
überraschend. Die vergangenen 30 Jahre haben gezeigt, dass
Wintersport bis ins Tal längst nicht mehr jeden Winter möglich ist.
Gleichzeitig hat sich die Beschneiungstechnik weiterentwickelt:
Kunstschnee lässt sich heute auch unter weniger idealen Bedingungen
erzeugen.
Insgesamt zeigt die Studie, dass im Allgäu auch in den kommenden 30
Jahren relativ gute Wintersportbedingungen zu erwarten sind - vor
allem in mittleren und höheren Lagen. Welche Konsequenzen sich in der
zweiten Hälfte des Jahrhunderts ergeben, wenn die Erwärmung weiter
voranschreitet, wird man zu gegebener Zeit neu bewerten müssen.
Ob Wintersport in anderen Regionen Deutschlands langfristig sinnvoll
bleibt, hängt stark von der Höhenlage und der jeweiligen Perspektive
ab. Die "Schneezuverlässigkeit" in den Mittelgebirgen hat im
Vergleich zu den schneereichen 1960er bis 1980er Jahren deutlich
nachgelassen - auch wenn es weiterhin einzelne schneereiche Winter
geben kann. So sank die Zahl der Tage mit mindestens 10 cm Schneehöhe
an der Wasserkuppe in der Rhön in den vergangenen 70 Jahren um rund
15 Prozent, im Ortsbereich von Willingen im Sauerland sogar um 30 bis
35 Prozent.
Das verlangt künftig mehr Flexibilität - von den Wintersportregionen
ebenso wie von den Gästen. Und langfristig könnte der Schnee von
heute tatsächlich zum sprichwörtlichen Schnee von gestern werden.

Dipl.-Met. (FH) Lothar Bock

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 24.02.2026

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